Gibt es eine absolute Wahrheit?


Erschienen in der Appenzeller Zeitung Herisau am 12. Mai 1993 / Nr. 109 Seite 13

 

In Anbetracht der unterschiedlichen Meinungen über die Krankheit, Gesundheit, Heilungsarbeit und Geistiger Heilung, wurde ich von vielen angefragt: Wieso erkennen nicht alle Mitmenschen die Wahrheit?   Gibt es eine absolute, ewige Wahrheit?

Diese Frage taucht sehr häufig auf; sie kann mit folgenden Worten beantwortet werden: Gott ist eine fortschreitende Offenbarung. Dies besagt, dass das Wesen der Wahrheit, das Geheimnis des Lebens selbst, niemals eingeschränkt werden kann. Die absolute Wahrheit ist die Summe aller möglichen Wahrheiten. Was sich dem Menschen als Wahrheit offenbart, kann immer nur als ein Teil einer noch größeren Wahrheit betrachtet werden; je nach dem, auf welcher Evolutionsstufe der Mensch steht.

Dies wird jedem klar, der sich ernsthaft bemüht, in allem die Wahrheit zu erkennen und der stets bestrebt ist, nur das auszusprechen, was genau der Wahrheit entspricht. Er sieht sich vor ganz bestimmte Schwierigkeiten gestellt. Wahrheit ist im Verlauf der Evolution völlig relativ. Das, was er als wahr und wirklich zu erkennen vermag, entspricht nur seiner eigenen Wahrheit, eben einer Teilwahrheit, die er aufgrund seiner Entwicklung und seines Verständnisses zu fassen imstande ist. Er erkennt, dass es infolge seiner eigenen begrenzten Sicht keine endgültige Darstellung der Wahrheit gibt; sie entfaltet sich und wächst. Und wie Sokrates muss er gestehen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Es erhebt sich die Frage, was ist das Ziel der Wahrheitssuche? Das Ziel jeglichen geistigen Strebens ist die Vollendung und Vervollkommnung. Es ist die Bestimmung des Menschen, einen weiteren Schritt auf seinem Weg zurück zum Ursprung seines Seins zu unternehmen.

Dies heißt in anderen Worten ausgedrückt, dass der Mensch in das nächste höhere Reich, das Reich der Seelen, das Reich Gottes, eintreten sollte und es heißt auch, dass ihm aufgrund seiner bisherigen Entwicklung dieses Vorhaben gelingen kann. Denn darauf wies bereits Christus mit den Worten hin: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.

Es wird ihm unter anderem dadurch möglich, dass er sich durch Wahrheitsfindung bemüht, das wahre Wesen, das sich hinter einer äußeren Form verbirgt, zu erkennen; sei dies nun der Mensch, die Natur, ein Wort oder ein Gedanke. Für den Menschen geht es in erster Linie darum, die Geheimnisse seines eigenen Wesens zu ergründen. Dabei wird er feststellen, dass mit zunehmender Selbst-Erkenntnis das Ziel der Wahrheitssuche und die Ursache für sein Forschen ein und dasselbe sind. Es ist das Bestreben nach Vereinheitlichung und Synthese.

Wird dies zutiefst erkannt, ist der Einzelne bestrebt, in seinem täglichen Leben darauf hin zu arbeiten, mit allen Wesen eins zu werden, zum Herzen seines Bruders vorzudringen, und auch dessen Wahrheit zu verstehen, mit dem Leben in allen Formen sich verbunden fühlen und alle Neigungen oder Reaktionen zurück zu weisen, die ihn von anderen absondern könnten. Wenn ein Mensch sich dem Streben nach Synthese hingibt und dieser göttlichen Wirkkraft Zutritt gestattet, dann macht er jede separatistische Tendenz, jede Trennung unwirksam; dann gelingt es ihm immer mehr, als das zu leben, worauf sich seine Suche gerichtet hat und was er seinem wahren Wesen nach ist: Er lebt Wahrheit, Wirklichkeit, Liebe und errichtet somit das Reich Gottes auf Erden. Und damit gehen wir den Weg, den uns Christus mit den Worten wies: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben und wer an mich glaubt, der wird die Werke, die ich tue, auch tun und wird größer als diese tun.

Den Gläubigen jedoch werden folgende Beweise zuteil werden: … Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden gesund werden (Mark. 16; 17-18); … so wird einem Heilkräfte durch die Geisterwelt Gottes verliehen; sie wählt für einen jeden die Gabe aus, für die er sich eignet und in dem Grade, in dem die Geisterwelt es für gut findet (1. Kor. 12; 4-11)! Hier finden wir das Fundament für die Arbeit des Geistigen Heilers und für den Weg zur Wahrheit…!

Obige Aussagen haben in allen Religionen ihre Gültigkeit…! Vergessen wir auf dem Weg zur Heilung... nie: Gott ist unbegrenzt, sowohl zeitlich als auch geographisch. Das heißt, Gott offenbart sich in allen Zeitaltern und an allen Orten. Ich beschränkte Gott nicht auf eine einzige Religion oder heilige Schrift, sondern akzeptiere sie alle als Offenbarung desselben Gottes, ob man Ihn nun Gott, Krishna, Jahwe, Manitu oder Allah nennt...

 

Die verschiedenen Religionen sind nichts anderes als verschiedene Wege, um die Menschen auf höhere und höchste Stufen zu erheben. Die höchste Stufe hat nichts mit einer Konfessionszugehörigkeit zu tun, sondern mit einer Bewusstseinsstufe: Eine innere Haltung der reinen Liebe und Hingabe zu Gott. Auch mein Dienst ist bestrebt, die Menschen auf dieses gemeinsame Ziel aller Religionen aufmerksam zu machen... Es gibt nur die Eine Menschheit und den Einen Gott!

 
 
Albrecht Lauener, CH-8804 Au Wädenswil ZH
 
 
„Das sind die Weisen,
die durch Irrtum zur Wahrheit reisen;
die bei dem Irrtum verharren,
das sind die Narren…“